Robinson Crusoe oder der verschwundene Hund

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Zulle
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Beitrag19.08.2015, 17:52 von Zulle

Robinson Crusoe oder der verschwundene Hund

Am Abend rief mich Marta an. Sie hatte viel zu erzählen.

Marta ist unsere Hundesitterin, die zu meiner Entlastung jeden Donnerstag mit Alma und Edvin einen mehrstündigen Ausflug macht. Sie ist qualifiziert, zuverlässig und besitzt einen guten Humor. Und sie liebt unsere Hunde. Für heute ist eine Seeumrundung angesetzt. Ungefähr 7 km schattige Laufstrecke, der See liegt ruhig im Wald, man trifft selten Spaziergänger und Vierbeiner können sich zwischendurch abkühlen.

Wir waren schon unzählige Male dort. Das etwas wilde Terrain ist allen vertraut und auch die Hunde kennen sich aus. Es gibt einen Hauptweg und einige andere schmale Pfade und Abzweigungen. Auf dem See befindet sich in Ufernähe eine kleine, bewaldete Insel. Eigentlich für Fußgänger unzugänglich, doch hinter einem versteckten Zugang haben Menschen aus locker gelegten Baumstämmen und langen Ästen einen provisorischen Steg gebastelt. Darüber balancierend kann man die Insel erreichen. Manchmal sieht man dort an Sommerwochenenden nette Individualisten mit Picknickkörben.

Marta und die Hunde sind fast am Ende ihrer Tour, als sich der Trupp dem versteckten Übergang nähert. Alma flitzt an dieser Stelle meistens in den schmalen Pfad hinein, um geschickt über die Baumstämme zu huschen und einen Blick auf die Insel zu werfen. Zum Beispiel um zu kontrollieren, ob dort drüben Menschen auf Decken sitzen und diese kurz, aber wirkungsvoll, vom Charme eines Cockerspaniels zu überzeugen.

Edvin macht das nicht. Er ist für einen Hund recht unsportlich und lehnt das freiwillige Überqueren dubioser Brücken in der Regel ab. Eine kleine Kostprobe seiner Koordinationsschwäche zeigte er uns im letzten Urlaub an einem ziemlich steilen Flußufer, als er sich gutgelaunt auf der falschen Seite des Weges wälzen mußte. Um sich Sekunden später nach einem wenig galanten Absturz im tiefen Wasser wiederzufinden. Zum Glück unversehrt. Und fremden Leuten den Charme eines Springerspaniels zu erklären zählt nicht zu seinen Interessengebieten. Es sei denn, sie wedeln mit Wiener Würstchen oder Emmentaler Käse vor seiner Nase herum.

Er mag dieses familiäre und gemütliche Wir-gehen-zusammen-Gefühl. Möglichst ohne athletische Einlagen, dafür mit schönen Pausen, in denen Leckeres aus dem Rucksack gezaubert wird. Almas spontane... und Tschüß! -Anfälle kann er selten nachvollziehen. Wenn sie abrupt den Wir-Schalter auf Ich umlegt. Wenn sie zu unangekündigten Sprints ansetzt, mit dem Vorsatz, die Wegstrecke auf einer Länge von zwei Kilometern auf Renntauglichkeit zu prüfen.

Doch Aussetzer dieser Art stehen heute nicht auf ihrem Plan und Alma kommt brav und unschuldig vom kleinen Inselbesuch zurück. Alles ist wie immer. Doch dieses Mal stimmt etwas nicht. Denn Edvin ist plötzlich verschwunden.

Marta, eine erfahrene Hundehalterin und nicht so schnell aus der Fassung zu bringen, ruft, pfeift und macht die üblichen Geräusche, welche aus dem Sichtbereich geratene Hunde schnell wieder zur Gruppe aufschließen läßt. Besonders jene Exemplare, die ungern den Anschluß verlieren. Erfolglos. Unterdessen werden andere Spaziergänger aufmerksam. Einige bieten ihre Hilfe an. Man sucht nun gemeinsam. Marta beteuert, dass dies noch nie passiert sei und nicht zu Edvin passe. Nicht zu ihm. Trotzdem bleibt er wie vom Erdboden verschluckt. Alma wimmert. Die Hundesitterin wischt sich den Schweiß ab. Die Situation entwickelt eine gewisse Dramatik.

Nach einer unendlich langen halben Stunde entdeckt man den Vermissten. Am Ufer. Jedoch am anderen. Ein geduldiger, verzottelter Robinson Crusoe auf einer Insel. Auf DER Insel. Einsam und aufrecht sitzend wie diese großen Hunde aus Porzellan in Antiquitätenläden. Ernst und still auf Rettung wartend. Edvin ist gestrandet. Aus seiner Sicht von der Zivilisation abgeschnitten.

In der Rückblende ahnen wir folgendes Szenario: Alma lief auf die Insel. Es war heiß, Marta wähnte den treuen Edvin bei diesen Temperaturen hinter sich her trödelnd. Ein Trugschluss, denn er folgte Alma. Entweder ihn überfiel trotz Hitze die Lust nach Abenteuer oder ihn lockten Düfte von Picknickresten, was wahrscheinlicher ist. Er vergaß mit vielleicht leckeren Baguette-Gerüchen in der Nase, dass er akrobatische Übungen, wie das Überwinden zweifelhafter Konstruktionen, gemeinhin missbilligt. Als Alma zur Hundesitterin zurück kam, befand sich Edvin noch auf kulinarischer Entdeckungsreise an jenem Ort, wo man ihn nicht vermutete. Als er das Rufen hörte, beschloss er jedoch, dass der notdürftig gebaute Übergang keine Option mehr für ihn sei. Und da ihm auch entfallen war, dass er den kurzen Wasserweg durchaus hätte schwimmend bewältigen können, entschied er, seinem Charakter entsprechend, die Sache auszusitzen.

Nach seiner Entdeckung ist die Erleichterung aller Protagonisten groß. Doch noch findet keine echte Wiedervereinigung statt, denn trotz heiter-motivierenden Aufforderungen weigert er sich, auch nur eine Pfote auf die Behelfsbrücke zu setzen ... beim besten Willen Leute, das schaffe ich nicht.

Wer weiß, wie lange dieses Spiel noch gedauert hätte, wäre Marta nicht auf die Idee gekommen, die vorsorglich angeleinte und vor Aufregung wiehernde Alma frei zu lassen. Diese eilt jetzt leichtfüßig über die verästelten Baumstämme hinweg zu Edvin, freudige Begrüßung ... hey, ist doch ganz einfach, Du Dussel.

Sie läuft voraus, nimmt den gleichen Weg zurück ... und ... er folgt ihr ...... Bridge over troubled water ...... Vorsichtig, ein bißchen wackelig, aber immerhin.

„Stets findet Überraschung statt. Da, wo man’s nicht erwartet hat“. Nicht Daniel Defoe, sondern Wilhelm Busch.
Grüße von Petra
Alma (5) & Edvin (10)

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TC Stahl
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Beitrag20.08.2015, 10:48 von TC Stahl

Da hat Edvin bei Alma wohl doch etwas abgeschaut :lol:

Danke für diese schöne Erzählung!
Euer Admin :)

Die Freiheit des Einzelnen findet ihre Grenzen bei den Rechten der Anderen.

chelsea
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Beitrag20.08.2015, 19:28 von chelsea

fazit:

hinter jedem erfolgreichen mann steht eine starke frau :lol:

sehr süss geschrieben.

das sind sie, die geschichten an die wir uns immer erinnern werden.
schlau gedacht von deiner hundesitterin!
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Charlotte
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Beitrag20.08.2015, 21:13 von Charlotte

Ich liebe diesen Typ "Edvin"! -f- :mrgreen:
Ich brauche keine guten Vorsätze. Ich bin mit den schlechten noch gar nicht durch.
(SCHWARZER-KAFFEE.NET)

Catrin
Beiträge: 2141

Beitrag21.08.2015, 09:32 von Catrin

Die Geschichte hat mir gerade meinen morgendlichen Café versüßt - ohne eine einzige Kalorie. Danke dafür!

Zulle hat geschrieben:Einsam und aufrecht sitzend wie diese großen Hunde aus Porzellan in Antiquitätenläden

... oder wie eure Kanu-Galionsfigur *g*

Ein schöner Start ins Wochenende :-)

LG Catrin
l
offline... der neue Luxus


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Zulle
Beiträge: 2636

Beitrag21.08.2015, 15:09 von Zulle

Einsam und aufrecht sitzend wie diese großen Hunde aus Porzellan in Antiquitätenläden

Die Rasse stimmt nicht, die Haltung und der Ausdruck sind jedoch perfekt getroffen. Daher meine Assoziation ....;-)
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Grüße von Petra
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Shorty
Beiträge: 1643

Beitrag26.08.2015, 22:12 von Shorty

Edvin hatte ja die Lösung , sie passte nur nicht zum Problem. Alma hatte kein Problem und brauchte auch keine Lösung.
Wie im Leben. :D

Schöne Schmunzel- Geschichte
Ich bin nicht auf der Welt um so zu sein wie andere mich gern hätten

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Pepper
Beiträge: 914

Beitrag28.08.2015, 11:52 von Pepper

Total schöne Geschichte. Man meint, man war dabei!
Danke dafür! -w-
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Katharina mit Peppermint & Caramelle


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Clarissa
Beiträge: 18

Beitrag28.09.2015, 17:12 von Clarissa

tolle Geschichte, auch wenn bissl abgeguckt ;) :D
LG,
Clarissa

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JasminP
Beiträge: 526

Beitrag28.09.2015, 17:48 von JasminP

Gut dass es nicht geendet hat wie beim Münchner im Himmel und er "dort noch bis zum heutigen Tag sitzt" :mrgreen:
"Der eigene Hund macht keinen Lärm - er bellt nur." K. Tucholsky


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