Begegnungen im Sommer

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Zulle
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Begegnungen im Sommer

Beitrag von Zulle » 15.07.2015, 12:13

Am letzten Mörderhitze-Wochenende haben wir einen Ausflug gemacht. Unser Ziel war ein kleiner Familiencampingplatz, inmitten der Lychener Seenkette. Einfach, ruhig, schattig, nett. Wunderschöne Mecklenburger Natur. Ideal für ein Zelt, ein Boot und ein kleines Mensch-Hund-Rudel, welches sich gern im Freien aufhält. Wir entdeckten eine hübsche Stelle, tief im Buchenwaldschatten und unweit des Seeufers gelegen. Doch an Tagen wie diesen ist man nicht allein. Das Autokennzeichen verriet uns, dass unsere Nachbarn ein Pärchen aus Berlin waren. Also Leidensgenossen. Und Hundebesitzer obendrein.

Denn sie besaßen eine schwarze Mischlingshündin aus Ungarn, mittelgroß und Ilona genannt. Zwei Jahre jung, übermütig und territorialbewusst: Alles meins ... Frauchen, Herrchen, Zelt, Bank, Tisch, Fahrräder, Kästen, Kisten, Rasen, Himmel, Bäume ... alles eben.

Unsere Alma, froh, endlich angekommen zu sein und nichts von Ilonas Besitzansprüchen ahnend, betrat unbekümmert Feindesland. Sie wurde herzlich willkommen geheißen, indem die feurige Ungarin sie unmanierlich und wütend überrannte und anschließend mit großem Getöse unterwarf. Alma quittierte diesen Schreck mit sofortigem Rückzug und einem Flotten-Otto-Toilettengang. Oh là là, was für ein liebenswürdiger Empfang. Ein Platzwechsel wurde in Bruchteilen von Sekunden angedacht und noch schneller verworfen. Die Stelle war einfach zu schön und die Besitzer auf den ersten Blick sympathische Leute. Während diese sich wortreich in Entschuldigungen verloren und wir noch unschlüssig überlegten, betrat, durch Almas Quieken angelockt, Edvin die Bühne.

Wie ein gemütliches Dromedar näherte er sich schweigend der Nachbarin in spe, in deren Augen sich wilde Entschlossenheit spiegelte: "Nein, noch so ein Schlappohr, ein Großes dazu ...Hey, verschwinde, hier wohne ich!"
Ilona stürzte zeternd los, um dem zweiten Eindringling in ihr Hoheitsgebiet kultiviert die Meinung zu sagen. Doch plötzlich stoppte sie, sah sich verdutzt um, schaute Edvin an. Blinzelte. Okay ... alles klar ... ach so, was das eben sollte ... hm, gute Frage ... hey, ich habs, ein Missverständnis! Und sie entspannte sich. Was folgte, war ein Bilderbuch-Begrüßungsritual. Herzallerliebst. Günther Bloch wäre zufrieden gewesen. Und wir waren es auch.

Keine Ahnung, wie er es macht. Unser Gandhi auf vier Pfoten, unser Silberrücken. Edvin hat eine erstaunlich deeskalierende Art. Er streitet sich ungern, wirkt besonnen, latschig, ja fast träge. Selbst Rüden, die zum Stänkern neigen, begegnen ihm höflich. Ihn umgibt mitunter die Aura eines alten Goldgräbers, der in Dawson City langsam durch die verstaubten Straßen schlendert und respektvoll beäugt wird.

Alma, im gebührenden Sicherheitsabstand, beobachtete indessen aus der Ferne interessiert der Widerspenstigen Zähmung. Ihrer männlichen Rückendeckung bewusst und kein feiges Mädchen, fasste sie den mutigen Entschluss, sich wieder in das Geschehen einzubringen. Mit geballtem Cockercharme, der nicht nur bei Menschen gut ankommt, versuchte sie eine erneute Kontaktaufnahme. Und siehe da, jene Grobheit war verschwunden und wenn Ilona kein Hund gewesen wäre, sie hätte jetzt spontan eine Flasche Tokajer geöffnet, Gulasch mit Letscho gereicht und ganz und gar nicht ungarisch Bryan Adams Please forgive me gesummt.

Auch alle dazugehörenden Menschen vollzogen übrigens in einer der schönsten Sommernächte ein Bilderbuch-Begrüßungsritual. Bordeaux aus dem Weinschlauch ersetzte nicht kühlbaren Sauvignon Blanc und auf Tokajer haben auch Ostberliner keine Lust mehr.

Das neu gegründete Hundetrio erkundete fortan geschlossen das Terrain, Streit um imaginäre Besitztümer fand nicht mehr statt. Alle tierischen Neuankömmlinge mussten einer kurzen Überprüfung durch Platzwärtin Ilona, Hundeflüsterer Edvin und Schriftführerin Alma standhalten. Gelegenheit für uns schwunglose Beobachter, ausgiebige Verhaltensstudien zu betreiben. Viel bewegen konnte man sich bei dieser Hitze schließlich nicht. Es gab diverse vierbeinige Sommergäste auf diesem Platz, der ein besonderer ist, wo Hunde sehr willkommen sind und alle sozialverträglichen Exemplare leinenlos laufen dürfen.

Im satten Buchenwaldschatten, mit kleineren Bootstouren und Badepausen war die Wärme für Mensch und Hund gut auszuhalten. Leider haben wir keine ausgemachten Wasserratten an unserer Seite. Und auch ihre neue Freundin meinte solidarisch und trockenen Fußes, dass der Balaton sowieso viel schöner sei. Edvin jedoch ist das Gewässer gleichgültig. Er bezieht sich streng auf seine Rassebeschreibung. In dieser wird nämlich behauptet, dass der Englische Springer Spaniel der größte Landspaniel sei, Betonung auf Land. Und Alma ist der felsenfesten Überzeugung, bedauerlicherweise nicht schwimmen zu können und sie aus diesem Grund nur bis zum Hals ins Wasser gehen kann. Also bitte.

Es war ein Sommerwochenende, das Rudi Carrell entzückt hätte. Ein schönes Wochenende der langsamen Bewegungen, ein Wochenende der trägen Gedanken, ein Wochenende mit südfranzösischem Flair. Und der netten Begegnungen. Unsere Hunde können, nun wieder auf kühlen Fliesen dösend, von ihrer Csárdásfürstin träumen, die wir garantiert wiedersehen ..... im Grunewald oder in Pankow. Versprochen.

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TC Stahl
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Re: Begegnungen im Sommer

Beitrag von TC Stahl » 15.07.2015, 12:30

Als ob man wirklich dabei ist ... :D

Danke!
Euer Admin :)

Die Freiheit des Einzelnen findet ihre Grenzen bei den Rechten der Anderen.

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Pepper
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Re: Begegnungen im Sommer

Beitrag von Pepper » 15.07.2015, 12:54

Erfrischend, Petra!
Super Geschichte, nur dass ich jetzt einen Ohrwurm habe.. :roll:
Danke, hat mir die Mittagspause versüßt! -c-

Please forgive meeee..... *träller* -v-
************************************************
Katharina mit Peppermint & Caramelle


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Sus scrofa
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Re: Begegnungen im Sommer

Beitrag von Sus scrofa » 15.07.2015, 13:30

Toll geschrieben! Hab's von vorne bis hinten verschlungen.
Susanne und Frieda -by-

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Einstein
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Re: Begegnungen im Sommer

Beitrag von Einstein » 15.07.2015, 13:40

Man spürt die flirrende Hitze, die Trägheit und von der Anspannung bis zur Entspannung die ganze Geschichte, als sei man dabei gewesen.

Bitte mehr davon!
Man sollte ruhig schreiben was man denkt, nur sollte man es vorher bedenken !
Im übrigen: "Lächeln ist die beste Art Zähne zu zeigen" (A. Einstein)

Catrin
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Re: Begegnungen im Sommer

Beitrag von Catrin » 15.07.2015, 14:18

Auch mir hat deine Geschichte die Mittagspause "versüßt" und macht Appetit auf mehr. Gibt es auch etwas italienisches in deinem Menü? *flöt*

LG Catrin, Lilly & Csárdásfürst Filou
l
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Re: Begegnungen im Sommer

Beitrag von Edda & Sadie » 15.07.2015, 14:46

Toll geschrieben! Meine Mittagspause ist gerettet. :D
Schick mal Deinen Ghandi vorbei, ich habe hier auch so eine ungarische Csárdásfürstin. :mrgreen: Man nennt sie bisweilen auch Miss Taliban. 8)

Liebe Grüße
Edith
Edith mit Sadie und Cocker Lukas im Herzen
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Kathrin
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Re: Begegnungen im Sommer

Beitrag von Kathrin » 15.07.2015, 15:18

Wow, was für eine Geschichte!
Wunderschön geschrieben, hab sie zweimal gelesen -i- .
LG
...be happy with what you have...
Kathrin & Fanny

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Re: Begegnungen im Sommer

Beitrag von Cocker Oma Cati » 15.07.2015, 22:57

Sehr schön erzählte wahre Geschichte eines heißen Sommertages.
Wenn es nur immer so ausgehen würde !
Vertrauen ist wohl das Zauberwort .

VG Cati
"Ein Hund ist der einzige Freund den man sich kaufen kann"

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Shorty
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Re: Begegnungen im Sommer

Beitrag von Shorty » 19.07.2015, 13:13

Wunderschöne Geschichte und genial geschrieben.
Verleihst du Hundeflüsterer Edvin zur Besänftigung eines Andershundes über ein langes WE :roll:
Ich bin nicht auf der Welt um so zu sein wie andere mich gern hätten

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