Bennys Geschichte - Teil 1

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TC Stahl
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Beitrag26.06.2015, 11:29 von TC Stahl

Kennt ihr das Gefühl, wenn man mit flatternden Ohren über eine Wiese rennt? Wenn Grashalme kitzelnd durchs Gesicht fahren? Wenn man den Wind im Fell spürt? Ich liebe dieses Gefühl. Und damals, zu dem Zeitpunkt, an dem meine Geschichte beginnt, konnte ich es sehr oft genießen. Zusammen mit meiner geliebten Lucy und unseren Kleinen.
Wir lebten in einer Scheune. Herrchen hatte uns, nach Lucys Wurf, ein paar Decken hin gelegt. Immer nach Sonnenaufgang und vor Sonnenuntergang kam er vorbei und brachte uns etwas zu essen. Nicht genug, um zu überleben. Doch selbst ist der Hund; es gab genug Beute auf den angrenzenden Weiden. Vermutlich schaffte es Herrchen nicht, für uns alle genug zu jagen. Was ja auch kein Wunder war. Immerhin wuchs unser Rudel von Jahr zu Jahr. Die Scheune quoll fast über. Ein Chaos aus hellem, dunklem und rotem Fell. Nicht selten kam es zu Streitereien an deren Ende Blut floss. Normal in einem so großen Rudel.
Doch auch das Jagen war nicht ungefährlich. Bester Beweis dafür ist mein linkes Auge – oder besser das, was einmal ein Auge war. Was stand dieser blöde Ackergaul auch genau über dem Mäuseloch? Ich musste diese Viecher fangen. Unser neuer Wurf würde sonst verhungern. Also versuchte ich, den Gaul von seinem Platz weg zu bewegen. Natürlich wollte ich ihn nicht verletzen. Herrchen wäre darüber sehr böse geworden und hätte mich mit seiner Eisenkette bestraft. Also sprang ich bellend um ihn herum. Er dankte es mir mit einem Huftritt an den Kopf. Mit letzter Kraft schleppte ich mich zurück. Lucy empfing mich mit einem schmerzerfüllten Jaulen, leckte meine Wunde sauber und schmiegte sich danach an mich. Allein ihr ist es zu verdanken, dass ich heute meine Geschichte erzählen kann. Meine geliebte Lucy.
Leider entdeckte auch Herrchen meine Verletzung. Mit bösem Gesicht schrie er mir Menschenworte entgegen, bestrafte mich mit einem schmerzhaften Tritt in die Seite und strich meinen Anteil an den Rationen. In seinen Augen war ich nichts mehr wert. Keine der seltsamen Menschengestalten, die ab und zu einen aus unserem Rudel mitnahmen, würde sich für mich interessieren. Wie mir war es schon vielen anderen zuvor auch ergangen. Ich kannte die Folgen und gab innerlich auf.
Nur Lucy konnte sich damit nicht abfinden und ging nun ihrerseits auf die Jagd. Mehr schlecht als recht brachte sie mich damit über die Runden. Nur ein Aufschub, wie ich insgeheim erkannte. Nicht mehr lange, und meine letzten Tage würden anbrechen.

Als ich jede Hoffnung aufgegeben hatte, änderte sich alles. Es begann mit lautem Menschengeschrei draußen vor der Scheune. Das ganze Rudel wuselte aufgeregt umher. Chaos brach aus. An Herrchens Stimmlage erkannten wir, dass er offenbar von anderen Menschen unterworfen wurde. Jedenfalls wurde er immer leiser, um letztendlich in Schluchzen und Weinen über zu gehen.
Kurz darauf öffnete sich die Scheunentür und blau angezogene Menschen traten ein. Ihre Gesichter spiegelten irgend etwas zwischen Ekel, Wut und Mitleid. Draußen fuhren diese seltsamen Kästen auf Rädern vor. Lautes Bellen brach aus. Aufregung beherrschte die Scheune. Die ersten von uns wurden von den Menschen in einen der Kästen befördert. Was geschah hier? Seltsamerweise verspürte keiner Angst oder Panik. Von den Menschen ging ein Gefühl der Ruhe und des Vertrauens aus, das ich mir nicht so recht erklären konnte.
Einer der Menschen kam auf mich zu. Ich bereitete mich auf eine erneute Strafe vor. Doch als er seine Hand ausstreckte geschah etwas, das ich zuvor nur von Lucy kannte: Er streichelte über mein Fell. Verwirrt lag ich einfach nur da und wusste nicht, was ich davon halten sollte. Eine Menschenhand tat etwas anderes als mich zu bestrafen, mir Schmerzen zuzufügen?
Kräftige Arme hoben mich an. Schmerzen durchfluteten meinen Körper und pressten ein gequältes Stöhnen aus mir heraus. Behutsam trug mich der Mensch in einen der Kästen auf Rädern. Draußen liefen noch mehr Menschen herum. Einige hielten Herrchen im Schach, während andere unser Rudel zusammen trieben. Als einzelne mich sahen, stand Sorge in ihre Gesichter geschrieben. Ich konnte es ihnen nicht verdenken. Vermutlich gab ich ein erschreckendes Bild ab.
Der Mensch legte mich auf einen kleinen Tisch. Mit letzter Kraft hob ich meinen Kopf; wo war Lucy? Panisch ließ ich meine Blicke umher schweifen. Ohne sie würde ich nirgendwo hin gehen. Egal, wie schlecht es mir ging. Mein Herz begann schneller zu schlagen. Mit einem Ruck versuchte ich aufzustehen, wollte zurück in die Scheune laufen. Der Mensch sagte irgend etwas zu den anderen. Entkräftet sank ich zurück auf den Tisch. Verzweiflung machte sich in mir breit. Ich war sogar zum Stehen zu schwach. Besorgt wandte sich mir der Mensch wieder zu. Seine Hand streichelte über mein Fell, redete mir in beruhigendem Ton zu. Erschöpft schmiegte ich mich an. Es nahm mir ein wenig der Panik. Doch die Angst um Lucy blieb. Wo war sie? Warum kam sie mir nicht nach? War ihr etwas geschehen? Ich jaulte kläglich, stieß meine Verzweiflung in die Welt. Lucy...!

Zwischenspiel

So vorsichtig wie möglich bettete Peter den hell-braunen Cocker Spaniel auf den Notfall-Tisch. Der arme musste fürchterlich Schmerzen leiden. Eine riesige Wunde am Kopf, das Fell verklebt, abgemagert bis auf die Knochen. Jaulend und stöhnend zugleich versuchte sich der Hund aufzurichten, wandte seinen Blick Richtung Scheune. Als würde er dort etwas suchen. Vermutlich war es die Qual, die ihn phantasieren ließ. Zärtlich streichelte Peter über sein Fell, griff nach einer Spritze mit Beruhigungsmittel und verabreichte sie dem armen Wesen. Schnell schlief der Kleine ein. Wirklich beruhigt schien er jedoch nicht zu sein.

„Markus, schau mal in der Scheune nach, ob dort noch Hunde sind.“ rief Peter seinem Kollegen zu. Der Blick des Hundes ließ ihm keine Ruhe.
Mit Kopfschütteln quittierte der Angesprochene das Anliegen. „Die Scheue ist leer. Wir haben alle Hunde raus gebracht. Einige wirklich in erbärmlichem Zustand. Dieses Arschloch...“. Beinahe hasserfüllt blickte Markus in Richtung des Züchters. Dieser richtete seine Augen stur zum Boden.
„Das kannst du laut sagen.“, erwiderte Peter. „ Zum Glück konnten wir diesem Aas auf die Schliche kommen. Ich will gar nicht wissen, wieviele Hunde hier schon elendig verreckt sind.“. Angewidert spuckte er aus.
Ein leises Stöhnen erinnerte ihn an das arme Geschöpf auf dem Tisch. Eilig schloss er die Hecktür und klopfte gegen das Fahrerhaus. Kurz darauf fuhr der Kleintransporter an. Richtung Tierklinik, wie Peter wusste. Dort konnte man dem kleinen Cocker Spaniel helfen – wenn es nicht schon zu spät war.

Fortsetzung folgt
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TC Stahl
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Beitrag26.06.2015, 11:33 von TC Stahl

Schon länger trage ich mich mit dem Gedanken, eine Kurzgeschichten-Serie mit einem Cocker als Hauptfigur zu schreiben. Allerdings ist ein solches Thema eine ganz andere Sache als die politischen Geschichten, die ich sonst veröffentliche (der eine oder andere hat sie ev. ja schon gelesen).

Habt deshalb Nachsicht mit mir, falls dieser erste Versuch noch etwas holprig daher kommt. Schreiben ist immer auch mit Entwicklung verbunden. :-)

Bennys Geschichte orientiert sich in Grundzügen am Leben des gleichnamigen Cockers, den ich mit Bea zusammen erleben durfte. Natürlich mit einer guten Portion dichterischer Freiheit ;-)
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Zulle
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Beitrag26.06.2015, 13:31 von Zulle

Ich habe mich schon gewundert, für wen oder was die Rubrik " Kurzgeschichten" ins Forum geschmuggelt wurde.

Na mal schauen, ob Du unser neuer Michael Frey Dodillet wirst! Bild .... Der Anfang ist schon mal nicht schlecht. *g*. Weg von der Politiksatire, hin zur Hundegeschichte. Ein sympathischer Ausflug! :)
Grüße von Petra, Alma&Edvin

ALLE TAGE SIND GLEICH LANG, NUR VERSCHIEDEN BREIT. (UDO. L.)

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Polly 2007
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Beitrag26.06.2015, 14:21 von Polly 2007

Ich war auch gerade etwas erstaunt :D

Aber mir gefällt es, mach auf jeden Fall weiter!!!!!
Grüße aus der schönsten Stadt der Welt
Petra mit Polly und Mick
"Wer sagt das zuverlässiges Verhalten bei diesem oder jenem Hund nicht ohne Strafe erreichbar ist , sagt nichts über den Hund aus , sondern beschreibt erst einmal seine eigenen Fähigkeiten" Dr. Blaschke-Berthold

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Nicola
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Beitrag26.06.2015, 14:42 von Nicola

Ich mag es und freue mich auf die Fortsetzung :!:
________________________
Gruß Nicola mit Mex & Murphy im Herzen

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Kati&Julie
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Beitrag26.06.2015, 16:08 von Kati&Julie

Oh das ist ja toll!
Es liest sich gut und man will am Ende des ersten Teiles mehr davon!
Bin schon sehr gespannt :-)
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Askim
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Beitrag26.06.2015, 23:08 von Askim

find ich klasse!!! freu mich auf die Fortsetzung -w-
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Vera
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Beitrag27.06.2015, 16:07 von Vera

Das ist eine schöne Idee - auch wenn ich beim Beginng der Geschichte feuchte Augen bekam....

Die Geschichte von Ben habe ich vor Jahren von Euch persönlich erfahren, aber ich bin trotzdem oder gerade deswegen auf die Fortsetzung gespannt!
Vera mit Winnie und Pebbles
und Mäxlein im Herzen

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Sabine, Grille, Hummel
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Beitrag27.06.2015, 17:46 von Sabine, Grille, Hummel

TC Stahl hat geschrieben:Bennys Geschichte orientiert sich in Grundzügen am Leben des gleichnamigen Cockers, den ich mit Bea zusammen erleben durfte. Natürlich mit einer guten Portion dichterischer Freiheit ;-)


War mein erster Gedanke! :wink:
Cocker sind wie eine Frikadelle - da ist alles drin!

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Indiansummer
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Beitrag29.06.2015, 19:47 von Indiansummer

Warte gespannt auf die Fortsetzung. Und da ich schon länger nicht mehr hier war: Das neue Outfit sieht toll aus.
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Und Benito, mein Herzenshund, im Regenbogenland (01.04.2010 -21.09.2014)

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Edda & Sadie
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Beitrag05.07.2015, 15:41 von Edda & Sadie

Wow! Du hast eine sehr schöne "Schreibe" - auch wenn die Geschichte erst so traurig anfing.
Bin gespannt wie es weitergeht.
"Politik-Satire" ist doch nicht gestorben, oder?

LG
Edith
Edith mit Sadie und Cocker Lukas im Herzen
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TC Stahl
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Beitrag07.07.2015, 13:08 von TC Stahl

Edda & Sadie hat geschrieben:"Politik-Satire" ist doch nicht gestorben, oder?

Nein, ich werde auch weiterhin politisch schreiben - auf meinem Blog.
Euer Admin :)

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JuliaSonnenschein
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Beitrag09.07.2015, 11:20 von JuliaSonnenschein

ICh freue mich auch auf die Fortsetzung!


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