Doku "Die dunkle Seite der Wikipedia"

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Catrin
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Doku "Die dunkle Seite der Wikipedia"

Beitrag von Catrin » 22.10.2015, 15:05

Hallo zusammen,

ich habe heute folgende Film-Tipp bekommen und leite ihn - noch ungesehen - weiter:
Die dunkle Seite der Wikipedia
https://www.youtube.com/watch?v=wHfiCX_YdgA

Infos zu dem Inhalt findet man hier:
http://www.nachdenkseiten.de/?p=28035#more-28035
Wikipedia als kostenlose Wissensquelle ist hier aber anscheinend auf dem besten Wege, sich als glaubhafte Quelle zu verabschieden, zumindest was die Artikel anbelangt, die sich mit der aktuellen Politik und dem Zeitgeschehen beschäftigen.
...
Die Öffentlichkeit muss darüber informiert werden, dass Wikipedia in großen Teilen eben nicht objektiv ist.
...
Weitgehend verschwiegen hingegen wird das Problem, dass in der Wikipedia selbst offensichtlich Strukturen existieren, die die Sachlichkeit des Mediums insgesamt massiv bedrohen.
...
Offensichtlich hat der vollkommen unsachliche Begriff Verschwörungstheorie nun auch schon seit einigen Jahren Einzug in die Wikipedia gefunden und wird dort als Ideologiekeule verwandt.
Quelle: http://www.nachdenkseiten.de/?p=28035#more-28035

LG Catrin
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Catrin
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Re: Doku "Die dunkle Seite der Wikipedia"

Beitrag von Catrin » 30.10.2015, 16:51

Ich weiß, dass das Thema an sich kein Hundethema ist, aber da der Thread besteht, nehme ich mir die Freiheit, hier noch weiter zu schreiben. Falls nicht erwünscht, kann dieser ja gelöscht werden.
Allerdings finde ich einige der folgenden Punkte bzgl. Meinungsbildung auch interessant für Hundehalter...

Wer die Doku gesehen oder die Info dazu gelesen hat, wird über den Historiker Daniele Ganser gestolpert sein. Ich gebe zu, statt der Doku habe ich mir gestern lieber diesen Vortrag von ihm angeschaut:
Medial vermittelte Feindbilder und die Anschläge vom 11. September 2001
https://www.youtube.com/watch?v=aYzjDYe7HHs

Ich finde es schon sehr bedenklich, wie schnell mittlerweile jemand als "Verschwörungstheoretiker" diffamiert bzw. in seinem Fall auch denunziert wird.

Gerade bin ich diesbzgl. auf ein interessantes Interview gestoßen. Der Hintergrund ist ganz aktuell. Herr Ganser hat gestern an der Uni Witten Herdecke einen Vortrag über Presse/Rundfunk und kritische Mediennutzer gehalten ("Wer kontrolliert die 4. Gewalt? Fakten, Meinungen, Propaganda - Wie mache ich mir selbst ein Bild?“).
Die SPD Witten, die Jusos Witten, die Grüne Jugend Witten und auch die Piratenpartei NRW haben im Vorfeld die Uni aufgefordert, Ganser auszuladen "und sich von ihm und seinen Thesen zu distanzieren". Dazu verfaßten sie diesen offenen Brief:
http://www.ruhrbarone.de/daniele-ganser ... cke/116155

Telepolis, eine Internet Zeitung, führte daraufhin ein Interview mit Dr. David Hornemann von Laer, Fakultät für Kulturreflexion Uni Witten, der Herrn Ganser eingeladen hat. Hier einige Auszüge:
Telepolis:
In dem offenen Brief [der pol. Parteien - s.o.], der auch an die Studierende der Universität gerichtet ist, heißt es: "Die Grenze zwischen pluraler Meinungsbildung, akademischen Ideenstreit und politischer Meinungsmache plumpster Art, sind daher mit der Einladung Daniele Gansers klar überschritten. Innerhalb der seriösen akademischen Welt ist es unbestrittener Konsens, dass nicht jeder kruden These unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit ein Forum geboten wird. Die Universität Witten / Herdecke sollte sich daher entscheiden, ob sie auf dem Boden der Wissenschaft stehen möchte oder als vermeintlicher Tabubrecher lieber halbseidene Gestalten ihren Studierenden als Gesprächspartner anempfiehlt." Was entgegnen Sie dem?

David Hornemann von Laer:
Da zitiere ich doch am besten aus unserem Offenen Brief:

"Die Universität ist ein Ort der Erkenntnissuche und kein Ort des Dogmas. Sie ist ein Ort der lebendigen Auseinandersetzung auch mit abweichenden Meinungen und der kritischen Diskussion auch ungewöhnlicher Thesen. Genau das heißt Forschung und Lehre....ohne Wenn und Aber hält die Wissenschaft und mit ihr die Universität daran fest, dass neue Fragen so wichtig sind wie alte Wahrheiten. Die Universität Witten/Herdecke fühlt sich diesem Ethos verpflichtet....

Herr Dr. Ganser hat sich als Zeithistoriker darauf spezialisiert, den offenen Fragen der Interpretation der Ereignisse vom 11. September 2001 nachzugehen und die besondere Rolle zu untersuchen, die Bildproduzenten, also vor allem die Massenmedien, dabei einnehmen, bestimmte Interpretationen für die Weltöffentlichkeit hieb- und stichfest zu machen. Das ist schon deswegen wichtig, weil die Weltöffentlichkeit nicht als Einheit zu behandeln ist, sondern nach Nord und Süd, Ost und West, Arm und Reich gespaltener Meinung ist. Die Bildproduktion ist Teil von Maßnahmen der Konfliktregulierung ebenso wie der Konfliktzündung. Die Massenmedien, die sogenannte "vierte Gewalt" der Gestaltung eines Gemeinwesens, ist ein wichtiger Teil dieser Konfliktregulierung und Konfliktzündung mit einer großen Verantwortung, die aus ihrem bisherigen Monopol der Bildverbreitung folgt."

Telepolis:
Der französische Soziologe Pierre Bourdieu verwendet den Begriff der Doxa. Doxa heißt bei Bourdieu, stark verkürzt, dass viele Menschen aus einem Glauben heraus leben, dass die Dinge, sprich: die soziale Ordnung, aber auch die weltanschaulichen Glaubensvorstellungen als natürlich, als selbstverständlich betrachtet werden. Menschen leben also oft aus dem Glauben an die Doxa, sie glauben - und das macht sich gerade, wenn es um die politische Wahrnehmung der Welt geht, stark bemerkbar, dass die Welt nur so wahrgenommen werden kann, wie sie es tun.

Das Problem: "Doxa", so schreibt es Bourdieu, "ist der Glaube, der sich als solcher nicht kennt." Anders gesagt: Die feste Überzeugung, dass etwas nur so sein kann, wie man es selbst (unter dem unbewussten Einfluss der Doxa) wahrnimmt, führt zu einer Kritik, in der die Objektivierung der eigenen Weltsicht nicht vorkommt - weil man eben fest davon ausgeht, dass die eigene Sicht gar nicht objektiviert werden muss - schließlich, so die Überzeugung, ist sie über jeden Zweifel erhaben. Kann es sein, dass die Kritik an Ganser möglicherweise sehr viel damit zu tun hat, dass Kritiker sich in ihren politisch-weltanschaulichen Wirklichkeitsvorstellungen angegriffen fühlen?

David Hornemann von Laer:
Ganz unbedingt! Und weil diese politisch-weltanschaulichen Wirklichkeitsvorstellungen meist ziemliche unbeweglich sind, kommt es oft zu Auseinandersetzungen, die gar nicht notwendig wären, wenn von vorneherein die Bereitschaft da wäre, jemanden wie Herrn Ganser erst einmal persönlich wahrzunehmen, sich auf ihn und seine Thesen wirklich einzulassen und erst dann ein Urteil zu bilden. Viele schrecken gerade davor zurück, weil sie ihr Weltbild in Gefahr sehen.

...

Telepolis:
Warum haben Ihrer Auffassung nach heute so viele Menschen Angst davor, sich selbst ein Bild zu machen?

David Hornemann von Laer:
Das liegt daran, dass es zum einen viel einfacher ist, eine Meinung zu übernehmen, als sich selbst anzustrengen und mittels eigener Beobachtungen und Gedanken sich ein eigenes Urteil zu bilden.

Zum anderen kann Ihnen niemand das eigene Beobachten und Denken abnehmen, das heißt, Sie sind dabei immer zunächst allein. Es kann ja sein, dass Sie dann später Menschen finden, die zu demselben Urteil kommen, aber der Weg dahin beginnt alleine. Davor schrecken einige zurück. Denken Sie daran, was für eine Unsicherheit für viele damit verbunden ist, wenn in der Zeitung nicht mehr die Welt erklärt wird, wie sie ist, sondern plötzlich gesagt wird, dass die Journalisten oft nur gekauft sind usw.

Ich versuche deshalb, in meinen Seminaren die Studierenden möglichst nicht zu belehren, sondern sie zu ermutigen, ihren eigenen Augen, ihren eigenen Einsichten zu vertrauen, sodass sie zu eigenen Lösungen, eigenen Ideen durchdringen können und sich nicht einem Kollektiv, einer Autorität unterwerfen müssen.
Quelle: http://www.heise.de/tp/artikel/46/46412/1.html

Im übrigen habe ich evtl. gerade ganz viele neue Verschwörungstheoretiker geschaffen...
Eine andere Möglichkeit wäre, diesem Terminus [Verschwörungstheoretiker] eine andere Bedeutung zu verleihen. Im Vorfeld der Einladung von Herrn Ganser sagte mir ein Kollege mit Augenzwinkern, er habe lauter neue Verschwörungstheoretiker produziert, indem er den Link zu dem Tübinger Vortrag von Herrn Ganser an sie weitergeleitet habe.
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