Wir müssen das trainieren!

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Sabine, Grille, Hummel
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Wir müssen das trainieren!

Beitrag von Sabine, Grille, Hummel » 17.07.2016, 12:02

Vom Leben und Training eines Angst(?)hundes, dessen Heimat, Lebensinhalt und Existenz die Straße war.
Oder wie wird aus einem Straßenhund ein Hund, der ein Hund sein soll?
Wie wird ein Straßenhund zum kompartiblen Haushund und gesellschaftlichen Begleiter?


Training muss sein mit einem Hund. Er soll ja lernen, sich an die menschliche Gesell- und Herrschaft anzupassen. Natürlich muss er sich an Regeln halten, damit es nicht zu Unfällen oder Streit kommt. Seh ich alles ein, ehrlich.

Nun haben wir seit 5 Monaten eine neue Hündin bei uns im Haus. Roxi heißt sie und sie kommt aus Rumänien. War nie vorher Haus- und Hofhund und kennt die von wem auch immer festgelegten Regeln nicht. Sie verhält sich also aus verschiedenen Gründen „asozial“, und ich meine das Wort so, wie es eigentlich gemeint ist. Sie verhält sich nicht immer sozial, so wie sie es als guter Hund tun sollte.

Sie mag keine anderen Hunde

Andere Hunde fixiert sie und bellt sie wie ein irrer Kampfzwerg an, mit ihrer Bürste ist sie gleich 5 cm größer (15% ihrer Körpergröße!). Macht der andere Hund einen Schritt auf sie zu, weicht oder springt sie zurück. Letzten Endes ein etwas überschwängliches Selbstbewusstsein gepaart mit Territoriumsverteidigung gepaart mit schlechten Erfahrungen und Angst. Müssen wir abtrainieren.

Sie mag keine fremden Menschen

Einfach wegbleiben. Auch nicht gutgemeintes „Och, ich tu Dir ja nichts“-Draufzugehen-und-Kopf-streicheln. Sie hat halt Angst und verlangt ihrer Umwelt damit einiges an Verständnis ab. Es sieht für die meisten nur nicht aus wie Angst, sondern wie Aggression. Vielleicht ist es auch eine Mischung aus beidem. Müssen wir abtrainieren.

Sie mag keine Fahrräder, Autos oder Motorräder


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DetektivSpaniel
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Re: Wir müssen das trainieren!

Beitrag von DetektivSpaniel » 22.09.2016, 10:47

Hallo Sabine! Oder Silke? Ich bin etwas verwirrt... grüß dich Hundebesitzerin!

Das Thema „Straßenhunde“ ist eine Angelegenheit, die mir sehr am Herzen liegt. Ich wohnte vor vielen Jahren in einem Vorort Thessalonikis. Aus familiären Gründen zog es mich an diesen Ort. Ich – bisher in Deutschland groß geworden – kannte Hunde nur als Haustiere, mit Straßenhunden kam ich nie in Kontakt. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie ich am ersten Tag meiner Ankunft, in dem Vorort einen Spaziergang unternahm. Ich lief abends am Wasser entlang, direkt auf der Promenade. Plötzlich merkte ich, dass mich etwas verfolgt. Es waren 3 Straßenhunde, die in einem angemessenen Abstand hinter mir her liefen. Zunächst dachte ich, dass die Hunde zu einem Hausbesitzer in der Nähe gehören. So lief ich weiter und weiter. Nach einem Kilometer blickte ich zurück und merkte, dass die Hunde mir weiterhin hinterher gehen. Nun bekam ich ein unwohles Gefühl.

Bald erreichte ich das kleine Zentrum der Stadt und ging in einen Laden, um mir etwas zu essen zu kaufen. Mit meinem schlechten griechisch fragte ich die Dame an der Theke, ob sie wisse, ob die Hunde zu jemandem gehören. Die Dame sagte mir, dass es Straßenhunde seien – mein Verdacht hat sich bestätigt. Ich – in einer vollkommen neuen Situation – wusste nicht wie ich reagieren soll. Ich nahm mein Tablett und setzte mich draußen an einen Tisch. Es dauerte nicht lang, bis die Straßenhunde sich mir näherten. Sie hauchten und gaben eigenartige Geräusche von sich. Ich wollte aufstehen und mich in das Innere des Lokals begeben. In diesem Moment sah ich, dass die Menschen, die um mich herumsaßen, völlig ruhig blieben. Nun dachte ich mir, dass ich sitzenbleibe und mich nicht so anstellen soll. Ich blieb sitzen. Die Hunde setzten sich neben meinen Tisch. Sie waren sehr ruhig. Ich blickte sie an, sie blickten mich an, sie blickten das Essen an. Ich gab ihnen etwas ab. Sie aßen ihren Teil und ich meinen Teil. Als sie sahen, dass ich fertig gegessen habe, kam es mir vor als hätten sie mich freundlich angegrinst und genickt. Kurz darauf verschwanden sie im Schatten der Nacht. Die nächsten Tage wiederholte sich dieses Szenario regelmäßig. Meine Angst bezüglich der Straßenhunde verflog. Das einzige was blieb: die Angst mit einer Krankheit angesteckt zu werden, vor den Hunden an sich hatte ich keine Angst mehr. Die fröhlichen Blicke dieser Hunde blieben mir bis heute im Gedächtnis.

Nun einige Worte zu dem Thema Straßenhund und Training bzw. Ängste. Hunde ähneln Menschen generell sehr stark. Auch hier liefere ich einen Einblick in meine persönliche Erfahrung. Es gibt Tage, an denen mein Mann ein Spaßvogel der Extraklasse ist. Er lacht, erzählt Witze, macht seine Späße. Dann gibt es wiederrum Tage an denen er grimmig und sehr leicht reizbar ist. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass drei Dinge in diesem Fall helfen: Freiraum, Entspannung und Belohnung. Merke ich also, dass es mein Mann schlecht gelaunt ist, gebe ich ihm seine Ruhe und lasse ihn entspannen. An manchen Tagen habe ich auch Belohnungen für ihn parat, immerhin ist er derjenige, der täglich arbeitet damit es uns gut geht. So kaufte ich ihm beispielsweise zuletzt einen Gutschein für eine Floating Sitzung, wer es nicht kennt: hier findet man sowas. So unter uns, ich war auch dabei also war es nicht allein für ihn gedacht. Jedenfalls ist mein Mann nach solchen Entspannungs-Runden immer sehr offen und erleichtert. Nun zurück zum Hund. Auch Hunde sollten Entspannung haben. Sicherlich haben einige von euch die selbe Erfahrung gemacht. Ein Hund der regelmäßig Zuneigung bekommt ist auch ein entspannter Hund. Und ein entspannter Hund ist ein ruhiger Hund. Vor allem Straßenhunde haben vieles erlebt, weswegen sie entspannen sollten. Doch das müssen sie – genau wie dein Titel sagt – auch trainieren und erlernen. Sie waren in der Wildnis dauerhaft unter Strom und auf der Hut, das muss abgewöhnt werden. Heilen, Lernen, Trainieren. Es geht selbstverständlich auch mit den Methoden, die du anwendest. Leckerlis (Belohnung), Freiraum und auch deine Strafmaßnahmen sind richtig – ich möchte dich nur auf den Punkt der Entspannung hinweisen. Möglicherweise kann es weiterhelfen.

Wie entspann ich einen Straßenhund bzw. einen Haushund? Hierzu habe ich in den letzten Wochen einen Beitrag von Dr. Ute Balaschke-Berthold gelesen. Sie beschreibt die Entspannung als Gegenstück zur Erregung. Es seien gegenläufige Prozesse, die das resultierende Verhalten beeinflussen. So seien alle „problematischen“ Handlungen eines Hundes auf das Erregungsniveau zurückzuführen. Es soll versucht werden, einen Hund im „denkenden Zustand“ zu halten, denn dieser ist der Zustand, in dem er sich im entspannten Zustand befindet. Diese Entspannung erreicht man indem man ein bestimmtes Hormon im Hund freisetzt. Bei dem Hormon handelt es sich um das „Oxytocin“. Dieses Hormon ist verantwortlich für die soziale Kompetenz eines Hundes, als auch für seine Entspannung. Dieses Hormon kann man herbeirufen indem man den Hund mit sanften Berührungen streichelt. Die Fasern vom Typ A-beta leiten diese Berührungen ans Hirn, welches im Gegenzug den Oxytocin-Spiegel steigen lässt. Weitere Möglichkeiten den Oxytocin-Spiegel steigen zu lassen sind leichte Vibrationen und Wärme. Wenn du Silke/Sabine oder jemand anderes mehr zu diesem Thema wissen möchte und es auch ausführlicher erklärt haben will: hier ist der Artikel von Frau Dr. Ute Blaschke-Berthold.

Liebe Grüße

Eure Heike

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A.N.N.
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Re: Wir müssen das trainieren!

Beitrag von A.N.N. » 22.09.2016, 13:41

Ein super geschriebener Beitrag Heike. Mal aus einem ganz anderen Blickwinkel und du hast Recht. Merkt man ja an seinen Hunden auch, habe ich Streß sind sie aufgedreht, läuft alles harmonisch, sind sie es auch. Sie haben so ein feines Gespühr dafür.
Liebe Grüße
ANN mit FEE und LOONA

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DetektivSpaniel
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Re: Wir müssen das trainieren!

Beitrag von DetektivSpaniel » 22.09.2016, 18:06

Vielen Dank für das Kompliment A.N.N. - freut mich sehr, dass es dir gefallen hat! Du hast ein sehr gutes Beispiel ausgesucht, es zeigt, dass du verstanden hast worum es mir geht. Und das ganze hast du nochmal in einem alltäglichen Beispiel verpackt, welches wohl jeder hier kennt. Bei Sabine ist das natürlich ein etwas anderer Fall, aber es läuft ungefähr auf dasselbe hinaus: Wenn die Hunde ihre Ruhe/Entspannung haben, dann verhalten sie sich in den menschlichen Augen am "normalsten". Das feine Gespühr haben sie allemal!

Einen schönen Abend!
Heike

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