Ich wollte einen Hund – Teil 4

meerschwein

Im Nachbarhaus wohnte eine alte Frau. Sie hieß Frau Gehre. Ich mochte sie nicht besonders, da sie mir unappetitlich erschien. Aber sie hatte einen Hund. Einen alten, steifbeinigen Foxterrier, der ihr auf seltsame Weise ähnelte. Mehrmals wöchentlich klingelte ich am Nachmittag an ihrer Tür. Und bot mich an, den Foxterrier auszuführen. Meistens willigte sie ein. Dann zottelte ich mit Otto die Straßen entlang. Manchmal wies sie mich auch mürrisch ab. In diesen Fällen schlenderte ich nach Hause und dachte nach.

Mit Napoleon ging ich nicht mehr Gassi. Ich war 14 und wurde von meinen Eltern bereits mehrfach auf diesen offenbar bedenklichen Umstand hingewiesen. “In deinem Alter …” begannen in der Regel ihre behutsam vorgetragenen Ansprachen. Die Nachbarn. Ich weiß. Doch nach wie vor blieb der Dauerwunsch ihrer Tochter unerfüllt. Also belästigte die Tochter die olle Frau Gehre. Oder widmete sich ihrem neuen Hobby. Hunde zeichnen. Für Außenstehende unverstandene Kunstwerke. Ha ha.

In der Schule mussten wir ein Selbstporträt pinseln. Das Thema lautete: Berufswunsch. Ich malte mich hinter Gittern, grinsend in einer Art Anstaltskleidung, mit einem Besen in der Hand, umgeben von Affen und Elefanten. Meine besorgte Zeichenlehrerin sprach mit meiner Mutter darüber. Sie will Tierpfleger werden. Ställe ausmisten. Meine Mutter meinte, wir werden sehen.

Da ich einen gewissen Ruf hatte, drängte mir an einem schönen Frühlingstag ein Junge aus der Parallelklasse ein noch nicht geschlechtsreifes Meerschweinböckchen auf. Seiner unter Schmatzgeräuschen vorgetragenen Begründung glaubte ich kein Wort, doch ich nahm das Schwein trotzdem. Und taufte es Henri. Französisch Angri ausgesprochen. Hoffte auf Napoleons aufgeklärten Charakter. Hoffte auf seinen Großmut und seine Generösität. Wir vergesellschafteten wider aller öffentlichen Bedenken beide Tiere. Sie verstanden sich von Anbeginn prächtig. Napoleon gurrte und umgarnte seinen neuen Kumpel. Wir waren begeistert.

Meerschwein-Weibchen werden ca. aller 14 Tage für 24h brünstig. Die Befruchtung eines brünstigen Weibchens findet innerhalb von Sekunden statt. Obwohl er nie Sexualkundeunterricht hatte, wusste unser felliger Feldherr wie es geht. Angri war eine Henriette. Reingefallen. Als wir kapierten, was vorgefallen war, musste der Papa in spe aus Sicherheitsgründen einem Umzug zustimmen. Mein Vater bewies plötzlich ungeahnte, handwerkliche Fähigkeiten. Mit großem Geschick und überraschendem Ehrgeiz konstruierte er für Napoleon ein Eigenheim, auf das ich einen heimlichen Neid entwickelte. Es gab Etagen auf verschiedenen Höhen, Unterschlüpfe in diversen Größen, kleine Treppen, Rampen und Hängematten, Brücken und Kuschelrollen. Dekoriert würde der Naturpalast mit schönen Steinen, Zweigen von Birnenbäumen und Weiden.

Nach 10 Wochen Tragezeit gebar Henriette zwei kleine weibliche Nachkommen, die wie braune Miniaturwildschweine aussahen. Wir wollten keine Meerschweinzucht eröffnen. Unsere Räumlichkeiten waren begrenzt. So überantwortete ich die alleinerziehende Mutter und ihre beiden Kinder meiner besten Freundin Suse. Wir setzten ein verziertes Schriftstück auf, welches mir ein 24h-Besuchsrecht einräumte. Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Freundschaft nicht. Zwei verschnörkelte Unterschriften.

Napoleon blieb unbeweibt in seiner neuen Villa zurück. Er schaukelte in einer seiner Hängematten und zeigte keine Anzeichen von Trauer.

Meine Schwester Mona war 22 und lebte unterdessen mit ihrem Puppenspieler in seiner heruntergekommenen Altbauwohnungen mit morbidem Charme. Das Sorgerecht für die Tanzmäuse Titan und Helium hatte sie sich erkämpft, da, wie sie meinte, ihre ehemalige Zimmergenossin, das träge große Mädchen von der Küste, keine gute Mäusemutter war.

Wenn Mona nachhause kam, nach Chemie und Patchouli duftend, vergaß sie nie, mich in ihre aktuellen Musik-Passionen einzuweihen. Im Jahr, als ich 14 war, stellte sie mir die Band Silly vor, die mit der Platte “Mont Klamott” ihren damaligen Durchbruch hatte. Doch diese wilde Musik mit ihren kryptischen Texten – Deutschrock mit Botschaft – gefiel mir nicht. Noch nicht. 12 Jahre später, als Sillys vorerst letztes Album “Paradies” erschien, werde ich mit Freunden den frühen Tod von Tamara Danz beweinen, ihrer unvergessenen Frontfrau.

“Meine Uhr ist eingeschlafen
Ich hänge lose in der Zeit
Ein Sturm hat mich hinaus getrieben
Auf das Meer der Ewigkeit …”

Doch bis dahin sollte noch viel Wasser die Elbe hinunter fließen. Im Augenblick hatte ich ein anderes Problem. Mein Problem. Immer noch. Ich wollte einen Hund.
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