Ich wollte einen Hund – Teil 3

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Meine Schwester Mona lebte seit einiger Zeit in B. als Studentin. Sie widmete sich dort zentralen Themen des Lebens, zum Beispiel der titrimetrischen Analyse von Pökelsalz oder dem Funktionsprinzip des Geiger-Müller-Zählrohrs. Sie quälte sich durch die Werke von Ludwig Feuerbach und lernte finnische Volkslieder. Wenn sie nicht durch zu viele chemische Gleichgewichte aus dem Gleichgewicht gebracht wurde, ging sie aus. Dann schlüpfte sie in ihre bunten Patchworkhosen, zupfte ihre Locken in die gewünschte Unordnung und traf sich mit einem Studenten der Schauspielschule, der sich eben dort zum Puppenspieler ausbilden ließ.

Mona genoß, dass man in B. spontan am Abend mit Straßenklamotten und dreckigen Schuhen in kluge Theater gehen konnte. Sie besuchte Blues-Konzerte in geheimen Kirchen, tanzte zu 99 Luftballons und sang mit kubanischen Kommilitonen “Guantanamera, guajira Guantanamera ….“

Yo soy un hombre sincero,
de donde crece la palma,
y antes de morirme quiero
echar mis versos del alma …..

Meine Schwester vergnügte sich in ihrem neuen Leben zwischen Periodensystem, Kultur und Subkultur. Auch erreichte ihre bisher eher zurückhaltende Tierliebe ungeahnte Dimensionen. Denn sie und ihre Zimmergenossin, ein träges großes Mädchen von der Küste, waren stolze Besitzerinnen zweier Tanzmäuse. Titan und Helium. Ich vermute, dass die Namensgebung als Kollateralschaden des Studiums zu betrachten war.

Auch wir in der Provinz zurück Gelassenen profitierten von unserer Verwandten, die in der Hauptstadt residierte. Wir mussten zwar weiterhin in unserem kleinen Theater im Foyer die Schuhe wechseln und in obligatorische Häkelstolas gehüllt schlimme Operetten ansehen. Aber wir hatten nun einen entscheidenden Vorteil. Zu Weihnachten gab es bei uns jetzt richtige Apfelsinen. Und nicht mehr diese gelben strohigen Kugeln, die uns als solche im Konsum angeboten wurden.

Ich war 13 und immer noch hundelos. Ein Umstand, der mir Sorgen bereitete, aber meinem Optimismus keinen Abbruch tat. Ich trällerte Dujurieliewantjuhörtmi, im Original vorgetragen von einem bunten, bezopften Wesen vom anderen Stern und blätterte in meinem Lieblings-Bibliotheksbuch, in denen 100 Hunderassen porträtiert wurden. In unserer Stadt gab es damals genau 5 Hunderassen. Pudel, Dackel, Cockerspaniel, Foxterrier und manchmal konnte ich beobachten, wie große Schäferhunde ihre kleinen Herrchen ausführten.

Die Tatsache, dass Teppichschildkröte Helene kein Fell besaß und Haustiere ohne Fell keine richtigen Haustiere sind, brachte meine Eltern auf die grandiose Idee, mich erneut mit einem Nagetier zu beglücken. Es kam direkt aus Südamerika. Voller Freude begrüßte ich ein tagaktives, bildschönes Meerschweinböckchen, welches ich Napoleon nannte. Napoleon bewohnte wahlweise mein Bett, den Boden meines Zimmers und manchmal die für ihn liebevoll hergerichtete große, grüne Waschschüssel, welche sein eigentliches Zuhause war.

Napoleon musste für mich zwar keine Schlachten gewinnen, aber er trug die verantwortungsvolle Aufgabe, eine Art Ersatzhund zu sein. In dieser Funktion legte ich ihm regelmäßig ein von mir gefertigtes Geschirr an. Daran befestigte ich eine lange Leine. Derart präpariert gingen wir beide Gassi. Ich stand zwar theoretisch bereits an der Schwelle zur Pubertät. In diesem Alter haben dünne Mädchen ohne Busen gewöhnlich andere Probleme. Doch von Theorien hielt ich schon damals nicht viel. Napoleon erweckte während unserer Spaziergänge mitnichten den Anschein von Unzufriedenheit. Er besaß, für Meerschweinverhältnisse, das Privileg einer gewissen Weltläufigkeit. Er lernte die unendlichen Weiten der Grünanlagen unseres Wohngebietes kennen und schätzte den Geschmack des Löwenzahns am anderen Ende seines Universums.

Meerschweinchen sagt man nach, dass sie sich ungern anfassen lassen und darum für Kinder ungeeignete Gefährten sind. Doch ich bin überzeugt, dass es Ausnahmen gibt und eine davon der gutmütige Napoleon war. Er hörte auf seinen Namen und befand sich in meinen Augen auf bestem Wege zur Hundwerdung. Diese Qualifikation hob ihn aus seinem Stand und veränderte sein Meerschweinchen-Selbstwertgefühl. Ich wäre nicht verwundert gewesen, wenn er unterwegs plötzlich eines seiner kleinen Beinchen gehoben hätte, um an eine am Boden liegende Kastanie zu pinkeln.

Ich war ein Mädchen mit viel Phantasie. Und einer beharrlichen Idee im Kopf. Ich startete einen neuen Versuch. Mit meinem bereits erwähnten Lieblings-Bibliotheksbuch unterm Arm, ging ich ein weiteres Mal zielorientiert zu meiner Mutter. Ich war zwar glücklich, aber nicht wunschlos.

Ich wollte einen Hund.

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