Ich wollte einen Hund – Teil 2

schildkröte

Bevor unser nächstes tierisches Familienmitglied Einzug hielt, verging keine lange Zeit. Und bis dieses uns wieder verlassen sollte, unglaubliche 30 Jahre. Dazu später mehr. Denn vorerst möchte ich, dass meine Oma ausführliche Erwähnung findet. Ebenjene, die wacker Jahr für Jahr erst meine Schwester Mona und später mich mit dem bereits zitierten Sehnsuchtsblatt der ostdeutschen Teenager, der BRAVO, versorgte. Da sie als rüstige Rentnerin in den Westen reisen durfte, hatten wir das Privileg Nutella zu futtern und die abgelegten Blusen unserer Cousinen zu tragen. Entschlossen, noch mehr Gutes zu tun, wickelte sich meine Oma auf den Rückreisen die begehrten Zeitungen um ihren Leib, Klamotten drüber, fertig. Niemals wurde sie, mit verbreiterter Taille und dickbäuchig, in ihrer Schmuggelmission aufgehalten.

Überdies hinaus hatte meine Oma einen Knall. Um es salopp zu formulieren. Denn sie litt an einer Sonderform der Messi-Krankheit. Sie sammelte Wellensittiche. Aber nicht einfach so. Keine große Voliere und 20 Vögeln drin. Nein, sie sammelte seriell und besaß immer nur genau einen Sittich, welcher Bobbie hieß. Diesem widmete sie sich 24h am Tag und brachte ihm das Sprechen bei. Bobbie Nummer 1 war das Genie. Sprachsensationen wie „Soooeinkwatschbobbie“ und „Bobbiemusskackkken“ kennzeichneten sein umfangreiches Repertoire. Eines unglückseligen Tages jedoch beschloss der inselbegabte Wundervogel, sich einem größeren Publikum zu präsentieren, entwischte durch einen geöffneten Fensterspalt und stürzte meine Oma in tiefes Leid.

Fortan erwarb sie einen Bobbie nach dem anderen. Doch obwohl meine Oma ihr Hobby mit großem Ehrgeiz betrieb, erwies sich keiner mehr so talentiert wie Bobbie Nummer1. Nach Ablauf einer gewissen Probezeit wurden alle Bobbies ohne ein Empfehlungsschreiben in die weite Welt entlassen und der nächste aussichtsreiche Kandidat hielt Einzug. Doch irgendwann mußte meine Oma erkannt haben, dass ihr Unterfangen nie mehr von Erfolg gekrönt sein würde, denn sie gesellte zu Bobbie Nummer 17 eine Kikki Nummer 1 und quittierte ihren Dienst als Sprachlehrerin.

Zur gleichen Zeit etwa stand die Musikwelt ebenso auf tragische Weise still. Die Ermordung John Lennons brachte meine Schwester dazu, solidarisch ihren Suizid in Erwägung zu ziehen. Um genau zu sein, einen erweiterten Suizid. Durch das in Endlosschleife laufende „Imagine…“ und ihre wachsende Vorliebe für Curacao Blue zeigte sie einen gewissen Kontrollverlust und unser Familienfrieden geriet in Gefahr. Mona trug eingefärbte Windeln um den Hals, lange weinrote Kleider und eine Nickelbrille mit Fensterglas auf der Nase. Give Peace a Chance. Ach ja. Doch eine leichte Verliebtheit in ihren Chemielehrer, eine Studienzulassung und der Einfluss ihres Dauerfreundes Udo Lindenberg stimmten sie zum Glück um. „Hey Baby, steig auf, lass uns beide, du und ich, lass uns jetzt nach Las Vegas reiten, die Sonne putzen!“ So nahm sie ihren Kassettenrecorder, ihre Poster, einen Koffer voller Kerzen und zog sehr lebendig zwar nicht nach Las Vegas, aber nach B.

Ich schöpfte Hoffnung, dass nun vielleicht ein Hund den frei gewordenen Platz meiner Schwester einnehmen könnte. Die Vorstellung von weiterhin vier Köpfen am Frühstückstisch erschien mir ausgesprochen attraktiv. Doch Anfragen dieser Art wurden von meiner Mutter routinemäßig abschlägig beantwortet. Stattdessen stellte sie mir eines schönen Tages die ehrwürdige Nachfolgerin unseres Methusalem-Hamsters vor.

Voilà: Helene, Griechische Landschildkröte. Helene bekam keinerlei tierspezifische Privilegien zugewiesen, wie z.B. einen eigenen Käfig. Ihr Universum war unsere Wohnung. Sie war eine Teppichschildkröte. Wackelte zur Fütterungszeit in die Küche und verzehrte dort artig ihre Gurkenscheiben. Auf einer dezent platzierten Seite des „Neuen Deutschlands“ verrichtete Helene ohne Hintergedanken ihre Notdurft. Am Abend folgte sie meinen Eltern in deren Schlafzimmer. Dort verkroch sie sich unter einem Schrank und kam am Morgen wieder putzmunter hervor. Auch die Winter verbrachte sie schlafend unter dem Schrank. Mit dieser offenbar in ihren Augen sehr artgerechten Haltung lebte Helene 30 Jahre in unserer Familie.

Ich mochte die Schildkröte sehr. Sie wirkte stets bescheiden und wunschlos. Im Gegensatz zu mir.
Ich wollte einen Hund.